✦ Christian V Rum · Journal ✦
Eine Hafenstadt, in der man den Rum noch riechen kann.
Brennereien, Rumhäuser, historische Höfe, das Rum-Museum, die Museumswerft und die berühmte Rum-Regatta – ein Reiseführer durch das Flensburg, das immer noch nach Rum schmeckt.
Flensburg trägt seit über zwei Jahrhunderten den Beinamen „Rum-Hauptstadt Deutschlands" – und anders als die meisten romantischen Behauptungen hat diese überlebt. Die Westindien-Schiffe sind fort, aber die Speicher, Höfe, Brennereien und Probierstuben sind geblieben. Dies ist ein Spaziergang durch sie.
Warum Flensburg noch nach Rum riecht
Zwischen dem späten 18. und dem frühen 20. Jahrhundert betrieb Flensburg über zweihundert Rumhäuser. Roher Rum aus Dänisch-Westindien (heute U.S. Virgin Islands) kam in Eichenfässern an der Flensburger Förde an, wurde verdünnt, verschnitten, verfeinert und in den Höfen entlang der Norderstraße und Großen Straße abgefüllt – und nach ganz Nordeuropa verschifft. Diese Geschichte steht nicht hinter Glas. Sie ist in die Architektur eingewoben, in den Geruch der alten Speicher und in eine Handvoll Familienbetriebe, die nie aufgehört haben zu arbeiten.
Die Brennereien
Neptuns Rum · Dollerup
Knapp außerhalb der Stadt, in den sanften Hügeln Angelns, betreibt Neptuns Rum eine kleine Manufaktur-Brennerei mit Fokus auf Kolonnen- und Pot-Still-Rums aus regionalen und karibischen Zuckerrohr-Rohstoffen. Verkostungen und Führungen nach Vereinbarung – der einfachste Weg, in der Region eine arbeitende Brennblase tatsächlich zu sehen. Lässt sich gut mit einer Fahrt entlang der Förde und einem Stopp in einer der Angelner Räuchereien verbinden.
A.H. Johannsen · Marienstraße
Gegründet 1878, ist Rumhaus Johannsen eines der letzten familiengeführten Blending-Häuser der Stadt. Der Laden in der Marienstraße hat noch die originale Holztheke, die alten Flaschen und die leicht strenge Atmosphäre eines Kontors aus dem 19. Jahrhundert. Der klassische Flensburger Rum-Verschnitt – die traditionelle 40 %-Mischung – ist das authentischste Souvenir, das man mitbringen kann.
Braasch Rum-Manufaktur · Rote Straße
Braasch sitzt in einem der schönsten Höfe der Roten Straße. Der Laden ist gleichzeitig ein kleines Museum: Eichenfässer unter der Decke, hunderte Single-Cask-Rums in den Regalen, eine Probierbar, an der die Mitarbeiter mit Vergnügen durch 20-jährige Jamaicaner, Trinidad-Kolonnenrums und Demerara-Stills führen. Wahrscheinlich der beste Ort in Flensburg, um Rum zu verkosten.
Das Rum-Museum
Das Flensburger Schifffahrtsmuseum beherbergt im Keller das Rum-Museum der Stadt – eine Dauerausstellung zu den Handelswegen Dänisch-Westindiens, den Abfüllbetrieben, den Etiketten, dem Original-Werkzeug und einem nüchternen Kapitel über die Zuckerrohrplantagen und die Sklaverei, auf denen der Reichtum gebaut war. Klein, dicht – und unverzichtbarer Kontext für alles andere auf diesem Spaziergang.
Die historischen Kontorhöfe
Die Kaufmannshöfe entlang der Norderstraße, Großen Straße und Roten Straße waren die eigentlichen Industriebauten des Rumhandels: lange, tiefe Backsteinpassagen, die von der Straße aus nach hinten laufen, mit Speichern, Böttchereien und Abfüllräumen, die sich um einen Innenhof legen. Viele tragen noch die Namen der Rumfamilien. Eine kostenlose „Rum & Zucker"-Wegekarte gibt es bei der Tourist-Information; die atmosphärischsten Abschnitte sind die Rote Straße (Braasch, Hof 19), die Große Straße und der Westindien-Speicher.
Museumswerft & Hafen
Die Museumswerft am südlichen Ende des Hafens baut und restauriert noch immer traditionelle Holzsegelschiffe – genau die Art von Schiffen, die einst Flensburgs Rum trugen. An einem ruhigen Werktagsmorgen, mit dem Geruch von Kiefernteer und dem Klang der Kalfathämmer, ist man dem arbeitenden Hafen des 19. Jahrhunderts so nah wie möglich. Ein paar Minuten nördlich liegt der Museumshafen mit seinen restaurierten Gaffelschonern und Ketschen.
Die Rum-Regatta
Am Pfingstwochenende jedes Jahres veranstaltet Flensburg die Rum-Regatta – das größte Treffen traditioneller Segelschiffe der westlichen Ostsee. Rund 100 historische Schiffe segeln über die Förde; der Pokal für den Sieger ist – natürlich – ein Fass Flensburger Rum. Drei Tage Festival-Modus im Hafen, mit Shanty-Chören, Verkostungen und offenem Museumshafen. Wenn man eine Reise um ein einzelnes Wochenende in Flensburg plant, dann dieses.
Was sonst noch an den Rum erinnert
Schauen Sie beim Gehen nach oben: viele alte Fassaden in der Norderstraße und Großen Straße tragen noch die Firmennamen längst verschwundener Rumhäuser (Hansen, Petersen, Pott, Asmussen). Der „Westindienspeicher" an der Schiffbrücke ist eines der meistfotografierten Gebäude der Stadt. Das Schifffahrtsmuseum hat die Original-Schiffsmodelle. Und in fast jedem traditionellen Restaurant findet sich noch ein „Pharisäer" oder eine „Tote Tante" – Flensburgs zwei berühmte Kaffee-mit-Rum-Klassiker.
Wo übernachten
Als Basis in der Stadt ist das historische Gästehaus Villa Boreal in Flensburg eine ruhige, gut gelegene Adresse – fußläufig zum Hafen wie zu den Höfen der Norderstraße. Das hauseigene Journal geht tiefer in die Stadt als jeder Reiseführer: lesenswert sind etwa die Beiträge zur Geschichte Flensburgs, zu den Spezialitäten der Region und zu Ausflügen rund um die Förde.
Vorgeschlagene Halbtagesroute
Start am Schifffahrtsmuseum (Rum-Museum) am südlichen Hafen. Nordwärts entlang der Schiffbrücke, vorbei an Museumswerft und Museumshafen. An der Hafenspitze in die Altstadt einbiegen, der Roten Straße bis zu Braasch folgen (Verkostung), weiter in die Norder- und Große Straße zu den Kontorhöfen und am Ende zu Johannsen in der Marienstraße. Vier Stunden einplanen. Dollerup (Neptuns Rum) als separaten Halbtagesausflug mit Auto oder Bus dazunehmen.

