Die Geschichte des Flensburger Rums ist die Geschichte einer kleinen Hafenstadt an der Ostsee, die über 250 Jahre lang untrennbar mit der Karibik verbunden war. Es ist eine Erzählung von wagemutigen Seefahrern, findigen Kaufleuten, exotischen Waren – und einer Spirituose, die die Identität einer Stadt bis heute prägt.
Flensburg unter dänischer Krone
Was viele nicht wissen: Flensburg gehörte jahrhundertelang zum Königreich Dänemark. Als drittgrößte Hafenstadt im dänischen Gesamtstaat genoss Flensburg vorteilhafte Handelskonditionen mit den dänischen Kolonien in der Karibik – den Inseln St. Thomas, St. Croix und St. John, die heute als US Virgin Islands bekannt sind.
Es war diese Sonderstellung, die den Grundstein für Flensburgs Aufstieg zur einzigen „Rumstadt" Deutschlands legte. Schon im 12. Jahrhundert hatte sich die Flensburger Förde zu einem Handelszentrum entwickelt – der natürlich geschützte Hafen, die Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen und der reiche Heringsfang machten die Stadt zum Dreh- und Angelpunkt des nordeuropäischen Handels.
1755 – Die Jungfernfahrt der „Neptunus"
Die eigentliche Rum-Geschichte beginnt im Jahr 1755. Der Flensburger Kaufmann Johann Gerhard Feddersen, Direktor der Grönländischen Kompagnie, regte die Gründung der „Westindischen Kompagnie" an – offiziell die „Handlungsgesellschaft auf St. Croix in Westindien." Als allererstes Schiff erwarb die Gesellschaft eine Schnau von 57 Kommerzlasten, die auf den Namen „Neptunus" getauft wurde.
Am 11. Oktober 1755 erhielt Kapitän Hans Bleeke von Röm seinen Seepass. Mit einer Besatzung von 17 Mann und einer wertvollen Ladung an Lebensmitteln – Speck, Fleisch, Mehl, Butter, raffiniertem Zucker, Wein und Tee – stach die Neptunus in See Richtung St. Croix. Es war das allererste Schiff aus Flensburg, das Kurs auf die Karibik nahm.
Die erste Reise war ein voller Erfolg. Die westindischen Kaufleute und Kolonisten zeigten sich mit den Waren so zufrieden, dass sie sofort Listen mit jährlich benötigten Konsumgütern erstellten und regelmäßige Lieferungen beauftragten. Im Gegenzug brachte die Neptunus braunen Rohrzucker, Rum und Tabak nach Flensburg – und legte damit den Grundstein für einen Handel, der über ein Jahrhundert andauern sollte.
Doch das Schicksal meinte es nicht immer gut: Die zweite Reise der Neptunus misslang. Am 31. August 1757 strandete das Schiff bei der Rückkehr von Westindien an der jütischen Küste. Die wertvolle Ladung ging verloren – aber nicht der Geist des Handels. Immer mehr Flensburger Schiffe folgten der Route der Neptunus in die Karibik.
Zuckerrohr, Rum und der Dreieckshandel
Die karibischen Inseln boten ideale Bedingungen für den Anbau von Zuckerrohr. Der Zucker, als „weißes Gold" zu horrenden Preisen gehandelt, war ein begehrtes Luxusgut. Und aus dem Restprodukt der Zuckerproduktion – der Melasse – entwickelten versklavte Plantagenarbeiter das, was wir heute als Rum kennen.
Die Flensburger Schiffe transportierten nicht nur Lebensmittel und Gebrauchsgüter in die Karibik: Nägel, Kappmesser, Balken, Fassdauben, Segeltuch und sogar gelbe Ziegel aus Flensburger Ziegeleien – die auf den Schiffen als Ballast dienten und auf St. Croix für den Bau von Gebäuden verwendet wurden. Noch heute stehen auf der Insel historische Gebäude, die aus diesen eingeführten Flensburger Ziegeln errichtet wurden.
Die dunkle Seite dieses Handels darf nicht verschwiegen werden: Die Zuckerwirtschaft basierte auf der Ausbeutung versklavter Afrikaner. 1797 lebten allein auf St. Croix über 25.000 versklavte Menschen – gegenüber nur etwa 2.200 Europäern. Der transatlantische Sklavenhandel war untrennbar mit dem Zucker- und Rumhandel verbunden. Die Flensburger Kaufleute profitierten mehrfach: als Reeder beim Transport, als Betreiber von Zuckerraffinerien und als Händler beim Verkauf.
Die Blütezeit – Fast eine Million Liter pro Jahr
Nach dem Niedergang der Hanse wurde Flensburg zu einer der bedeutendsten Handelsstädte im skandinavischen Raum. Ab dem späten 18. Jahrhundert kreuzten immer mehr Segelschiffe den Atlantik, und trotz gefährlicher Seebedingungen, Piraterie und Schmugglern florierte der Rumhandel.
Zur Blütezeit des Rums Anfang des 19. Jahrhunderts wurden jährlich fast eine Million Liter Rum nach Flensburg importiert. Allein die Familie Christiansen – eine der mächtigsten Kaufmannsdynastien – konnte ihr Vermögen zwischen 1783 und 1792 mehr als verdoppeln. Ihr Schiff „St. Croix" war das größte Schiff, das zwischen Flensburg und der Karibik verkehrte.
1833 kamen jährlich 1.400 Tonnen Rohzucker aus der Karibik in Flensburg an – umgerechnet 49 moderne Schiffscontainer, fast einer pro Woche. Der Zucker wurde in den Flensburger Raffinerien zu verschiedenen Sorten veredelt: feine Raffinade, Kandis und Zuckersirup. Den Höhepunkt erreichte die Produktion 1846: Über 60 Beschäftigte erzeugten 928 Tonnen Zucker, 257 Tonnen Sirup und 287 Tonnen Kandis.
Die Flensburger Rumhäuser
Aus dem boomenden Handel entstanden die legendären Flensburger Rumhäuser. Auf dem Höhepunkt betrieben mehr als 20 Rumhäuser in der Stadt ihr Geschäft – Namen wie Hansen, Pott, Asmussen, Sonnberg, Dethleffsen und Johannsen prägten die Identität der Stadt über zwei Jahrhunderte.
Diese Häuser entwickelten eine einzigartige Kunst: den Flensburger Rum-Verschnitt. Da auf die Einfuhr von Spirituosen exorbitante Zölle erhoben wurden, begannen die Kaufleute, einen geringen Anteil (bis zu 5 %) hochprozentigen Original-Rums aus der Karibik mit neutralem Agraralkohol aus Getreide, Kartoffeln oder Zuckerrüben sowie speziellem „German Flavoured Rum" zu verschneiden. Das Ergebnis war ein legales und erschwingliches Produkt – der „deutsche Rum" –, das eine neue Blütezeit des Handels einleitete.
1864 – Die große Wende
Mit dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 wurde Flensburg deutsch – und verlor seinen privilegierten Zugang zu den dänischen Kolonien. Die Handelsroute verlagerte sich: Statt von St. Croix bezog man Rohrum nun über London und Amsterdam und später aus dem britischen Jamaika.
Die Industrialisierung brachte verkürzte Lagerzeiten und höhere Produktionsmengen. Doch ab den 1880er- und 1890er-Jahren begann der Niedergang der legendären Rumhäuser. Eines nach dem anderen verschwand. Heute besteht nur noch das Rumhaus A. H. Johannsen in der Marienstraße – mit über 130 Jahren ununterbrochener Tradition.
Das koloniale Erbe im Stadtbild
Die Spuren der Rum-Geschichte sind bis heute überall in Flensburg sichtbar. Der „Westindienspeicher", 1789 von Andreas Christiansen errichtet, diente als Lager für Kolonialwaren – Rohzucker in Säcken, Rum in schweren Eichenfässern, Tabak, Kakao und Gewürze. Heute beherbergt er Wohnungen, doch der originale Giebelkran verrät noch immer seine ursprüngliche Funktion.
Die charakteristischen schmalen Kaufmannshöfe am Hafen wurden mit den Gewinnen aus dem Kolonialhandel gebaut und erweitert – und bieten heute gemütliche Cafés, Geschäfte und Wohnungen. Die „Rum- & Zuckermeile" ermöglicht einen faszinierenden historischen Rundgang durch die Altstadt. Und das Flensburger Rum-Museum – das einzige ganz dem Rum gewidmete Museum in Deutschland – erzählt diese außergewöhnliche Geschichte von den Anfängen bis heute.
Ein lebendiges Vermächtnis
Nach knapp 250 Jahren schien die Rum-Tradition in Flensburg am Ende. Doch in den letzten Jahren ist eine neue Bewegung entstanden. Das neu gestaltete Rum-Museum, neue Manufakturen und Marken wie Christian V Rum beleben den Geist der Flensburger Rum-Tradition – diesmal mit Authentizität, Handwerkskunst und Respekt vor der Geschichte.
Christian V Rum greift dieses Erbe auf: Dreifach destilliert aus feinstem karibischen Zuckerrohr, gereift in Sherry-Eichenfässern, abgefüllt im Flensburger Hafen. Ein Rum, der den König ehrt, der all das einst möglich machte.
Long live the King.
