Flensburger Hafen mit dänischer und deutscher Flagge – deutsch-dänische Grenzregion
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    Geschichte·9 MIN

    Flensburg zwischen zwei Nationen – Eine Stadt, zwei Identitäten

    Wenige Städte in Europa tragen ihre Geschichte so sichtbar in sich wie Flensburg. Hier an der Förde, dort wo das Wasser tief in das Land schneidet, treffen seit Jahrhunderten zwei Welten aufeinander – die deutsche und die dänische. Es ist eine Grenze, die nicht nur auf Karten existiert, sondern in Sprachen, Schulen, Vereinen, Wappen und im Glas.

    Eine Stadt wechselt die Nation

    Über Jahrhunderte gehörte Flensburg zum dänischen Gesamtstaat. Es war hier, im Norden des Königreichs, wo Reedereien Schiffe nach Dänisch-Westindien aussandten, wo Rum, Zucker und Wohlstand über die Förde rollten. Erst mit dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 fiel die Stadt an Preußen – ein Bruch, der bis heute nachwirkt. Nach dem Ersten Weltkrieg entschied 1920 eine Volksabstimmung über den Grenzverlauf: Flensburg blieb deutsch, Nordschleswig wurde dänisch. Eine Grenze, gezogen mit Stimmzetteln statt mit Bajonetten.

    Eine Region, zwei Sprachen

    Was blieb, war eine Region, die nicht entweder-oder kennt, sondern sowohl-als-auch. Auf der deutschen Seite leben heute rund 50.000 Menschen, die sich als dänische Minderheit verstehen. Sie schicken ihre Kinder auf eine der zahlreichen dänischen Schulen, lesen die dänischsprachige Tageszeitung „Flensborg Avis", treffen sich in dänischen Kirchengemeinden und Sportvereinen. Umgekehrt lebt auch jenseits der Grenze, in Sønderjylland, eine deutsche Minderheit mit eigenen Schulen und Kulturhäusern.

    Der SSW – politische Stimme der Minderheit

    Politisch findet diese Eigenart ihren Ausdruck im Südschleswigschen Wählerverband (SSW), gegründet 1948 in Flensburg. Als Partei der dänischen und friesischen Minderheit ist der SSW von der Fünf-Prozent-Hürde befreit – eine im deutschen Parteiensystem einzigartige Sonderstellung. 2021 zog der SSW erstmals seit Jahrzehnten wieder in den Bundestag ein. Und in Flensburg selbst stellte die Partei mit Simon Faber von 2011 bis 2017 sogar einen dänischen Oberbürgermeister – in einer deutschen Stadt. Es war ein leiser, aber denkwürdiger Moment.

    Löwe und Adler – ein Wappen erzählt

    Diese doppelte Identität trägt auch Christian V im Wappen. Der Löwe steht für Dänemark, das Königreich, dem Christian V. als Monarch vorstand und das Flensburg prägte wie keine andere Macht. Der Adler steht für das deutsche und österreichische Erbe – für die Epoche, in der die Stadt Teil des Deutschen Reiches wurde, und für die Nachbarschaft, die bis heute besteht. Zwei Wappentiere, zwei Geschichten, ein Glas. So wie Flensburg selbst.

    Christian V ist kein deutscher und kein dänischer Rum. Er ist ein Flensburger – und das heißt: beides.

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